DER MANN, DER JAN MARSALEK SCHOSS.
EIN INTERVIEW MIT LEOPOLD FIALA.
Interview: 2030 / Paul Wagner
Fotos: Leopold Fiala
Paul Wagner vernimmt den Fotografen Leopold Fiala und fragt ihn Löcher in den Bauch.

Leopold Fiala / Foto: Leopold Fiala
Hey Leo, das Bundeskriminalamt nutzt ein Foto, das du gemacht hast, um nach einem der meistgesuchten Menschen des Planeten zu fahnden, Jan Marsalek, Ex-Wirecard-Vorstand und heute mutmaßlich Agent für den russischen Geheimdienst FSB. Meiomei, wie kam’s denn dazu?
Einfach gesagt: weil es keine anderen Fotos von ihm gab. Wirecard hatte mich im Januar 2020 für ein Managementshooting angefragt. Da war natürlich auch Jan Marsalek dabei. Aufgefallen ist er mir nur deshalb, weil er der Einzige war, dessen Anzug richtig gepasst hat. Da war gleich klar, dass er sehr auf seine Außenwirkung achtet. Ich habe aber auch schnell bemerkt, dass er sich nur sehr ungern fotografieren lässt. Er war generell sehr fotoscheu. Für einen Zeitraum von acht bis zehn Jahren bin ich der Einzige, der offizielle Fotos von ihm gemacht hat.
Wie kamen dann deine Fotos von ihm in die Medien?
Da muss ich etwas ausholen. Was mich damals nach dem Shooting richtig nervös gemacht hat, war nicht etwa Marsalek, sondern die Tatsache, dass Wirecard die Rechnung fürs Shooting nicht zahlte. Heute ist klar, dass sie zum Zeitpunkt des Shootings schon voll in die Insolvenz rauschten. Also, es kam kein Geld, aber ich hatte ihnen schon die Bilder geliefert. Wirecard war ja schließlich ein langjähriger Kunde von mir. Das führte dazu, dass sie Bilder hatten, aber keine Rechte daran. Die lagen immer noch bei mir. Irgendwann bekam ich einen Anruf von der Kriminalpolizei München. Sie wollten die Fotos, die ich von Jan Marsalek gemacht hatte, weil sie sonst keine anderen Bilder von ihm hatten. Natürlich war ich kooperativ, zumal es einen Passus im Urheberrecht gibt, nach dem Fotos für Fahndungszwecke ohne Übertragung der Rechte genutzt werden dürfen. Ich habe sie dann eines der Fotos aussuchen lassen, mit der Bitte, es nicht an die Presse weiterzugeben. Das war ihnen dann zu kompliziert. Schließlich haben sie sich die Bilddaten vom Wirecard-Insolvenzverwalter geholt und das mittlerweile legendäre Marsalek-Foto auf der Seite des Bundeskriminalamts ohne Credits gezeigt – und auch noch zum Download angeboten. Von da machte es dann seinen Weg zur Deutschen Presse-Agentur dpa und von da aus in alle nur vorstellbaren Medien. Das Bild war in kürzester Zeit weltweit präsent. Ohne Credits, ohne Bezahlung.
Wie kommt man denn da drauf klar? Was hast du gemacht? Eine Armada an Anwälten losgelassen?
Nein, ich habe die großen Medien direkt kontaktiert und sie auf die Situation hingewiesen. Die waren in der Mehrzahl verhandlungsbereit, haben meinen Standpunkt akzeptiert und etwas bezahlt. Ein paar wenige musste ich verklagen. Im Nachhinein hat es sich gelohnt, aber es hat mich viele Nerven gekostet und vier Jahre auf Trab gehalten.
Wenn du jetzt dein Foto überall siehst, bist du aus fotografischer Sicht noch zufrieden damit?
Das Fahndungsbild ist aufgrund der biometrischen Anforderungen natürlich das langweiligste aus der Serie. Mit dem Shootingergebnis bin ich aber immer noch zufrieden. Und die Medienhäuser auch. Das ZDF hat viele gekauft. Für verschiedene Dokus. Netflix, Sky, Arte und viele andere auch.
Fotos: Leopold Fiala
Vielleicht klopft Marsalek ja mal bei dir an, weil er neue Bilder braucht?
Oha. Da würd ich kurz zusammenzucken …
Leo, wir haben jetzt schon einige Projekte zusammen gemacht. Wie bist du eigentlich zur Fotografie gekommen?
Zur Fotografie gekommen bin ich mit meiner Facharbeit fürs Abitur im Kunst-Leistungskurs. Ich habe mir das Thema Bewegung gesetzt, weil ich Skateboard- und Snowboard-Fotografie cool fand und alles, was in den entsprechenden Magazinen zu sehen war. Vor allem diese Sequenzbilder, bei denen du zehnmal einen Skater im Sprung siehst, haben mich total fasziniert, und das wollte ich auch machen.
Mit welcher Kamera?
Mit einer Nikon F301 von meinem Onkel. Ein analoger Knochen. Heute geht eine Bewegungssequenz ja vollautomatisch. Schärfe, Belichtung, das macht alles die Kamera. Aber damals mit der F301 musste ich die Fotos jeder Sequenz einzeln im Labor entwickeln, dann einscannen und recht mühsam in Photoshop zu einem Bild zusammensetzen. Du kannst dir vorstellen, dass das dauerte, bis so ein Sequenzbild endlich fertig war. Beim Arbeiten an dieser Facharbeit habe ich gemerkt, dass mich Fotografie wirklich interessiert. Nach dem Abitur habe ich mir Zeit genommen und eine reine Fotomappe gemacht. Mit der habe ich mich dann bei ein paar Unis beworben und bin in Darmstadt genommen worden. Die Konkurrenz war riesig: 600 Bewerber auf 40 Plätze, schon eine krasse Auswahl.
Die Hochschule für Gestaltung Darmstadt hat einen guten Ruf, oder?
Ja, vor allem, was Typografie und Grafik angeht, und das Industriedesign. Ich würde sagen, das hat sich ein bisschen wie Bauhaus 2.0 angefühlt, mit einem universalen Grundstudium über vier Semester, in dem jeder alles macht und in alle Gestaltungsbereiche reinschaut. Erst danach spezialisiert man sich dann. Das war cool. Ich habe zum Beispiel eine Menge Typografie gemacht, andere haben sich auf Illustration gestürzt, obwohl sie das nie vorhatten. Bei mir war allerdings immer klar, dass ich Fotograf werden wollte.
Was fasziniert dich an der Fotografie?
Vor allem diese Vorstellung, mit Licht zu malen und visuelle Vorstellungen möglichst direkt umsetzen zu können und lebendig werden zu lassen. Ich habe super viele extrem experimentelle Sachen gemacht: Doppelbelichtungen, Langzeitbelichtungen. Ich habe ganz viel nachts fotografiert, mit bis zu einer Stunde Belichtungszeit. Ich habe die Möglichkeiten voll ausgereizt.
Fotografie als eine Form, sich auszudrücken, oder?
Genau. Das war sozusagen mein Ausgangspunkt.
Fotos: Leopold Fiala
Und der Sprung ins Angewandte, in die Auftragsarbeit, wie hat sich der dann angefühlt?
Ja, das war schon ziemlich hart. Unser Studium in Darmstadt war ja in jeder Hinsicht sehr frei gewesen. Im obligatorischen Praxissemester war ich dann bei Marc Trautmann erster Assistent, das war damals einer der Top-Fotografen im Bereich Auto und Transportation. Hier war dann alles natürlich total angewandt. Mit engen Timings und klaren Briefings. Ich erinnere mich noch an meinen ersten Job. Das waren gleich zum Start acht Wochen Kapstadt, und ich als erster Assistent hatte dann plötzlich vier andere Assistenten zu leiten. Schon ein ziemlich krasser Schritt. Da habe ich auch sehr schnell gemerkt: Okay, hier ist alles ganz anders organisiert als bei so einem Studierendenprojekt. Mit sehr hohem Druck und auch riesigen Budgets dahinter. Da bin ich sehr, sehr viel gereist. Nach knapp drei Monaten war ich schon Lufthansa-Senator.
Für die ganzen Automarken?
Ja, für die ganzen großen Brands und immer für die großen Kampagnen. Mercedes, Toyota, BMW, Audi, VW, wir haben alles gemacht. Ich habe mein Praxissemester verlängert und war schließlich zweieinhalb Jahre bei Trautmann. In der Zeit war ich vielleicht 40 Tage im Jahr in Deutschland, die restliche Zeit war ich in der Welt unterwegs.
Dann hast du dein Diplom über die katholische Planstadt Ave Maria in Florida gemacht. Was muss man sich darunter vorstellen?
Ave Maria liegt mitten in den Everglades, also im Sumpfgebiet Floridas. Dort haben die Gründer vor 40 Jahren eine künstliche Stadt aus dem Boden gestampft. Mitsamt einer katholischen Universität, der ersten katholischen Uni-Neugründung in den USA. Und um diese Universität herum entstanden so Yale-mäßig ganz viele Wohnungen für die Studenten. Das war dann mein Revier.
Fotos: Leopold Fiala
Klingt nach einem dokumentarischen Projekt?
Es war ein rein dokumentarisches Projekt. Ich würde sogar sagen, ein Kunst-Dokumentarprojekt. Mit viel Porträtarbeit. Ich war sechs Wochen vor Ort und habe mit den Studenten in einem Studentenwohnheim gelebt. Das war alles extrem konservativ und wirklich krass. Ein paar wenige Studenten waren über Stipendien reingekommen und nicht so christlich. Aber die meisten waren viermal die Woche in der Kirche, dann noch einmal am Wochenende. Die fuhren regelmäßig zur nächsten Abtreibungsklinik, um zu protestieren.
Hätte ja auch sein können, dass du Dokumentarfotograf wirst, oder?
Da war die Prägung durch Trautmann doch schon zu stark. Der dokumentarische Weg kam für mich da nicht mehr in Frage. Vor allem, weil ich die Fotografie zwar liebe, es aber auch cool finde, wenn man davon leben kann. Und das ist mit der Dokumentarfotografie nicht ganz einfach. Ich war dann noch einige Jahre Fotoassistent bei international bekannten Fotografen, zum Beispiel bei Anders Overgaard in New York. Das war viel Mode, aber auch Werbung und Porträt. Und da habe ich dann schon gemerkt, dass mir das richtig gut gefällt. Trotzdem musste ich einen Absprung finden aus diesem angenehmen Assistentenleben, bei dem ich keine Akquise machen musste, ein festes Gehalt hatte und in tollen Hotels und an den besten Locations der Welt unterwegs war. Und dann habe ich aber doch irgendwann gesagt: Nee, jetzt muss ich das mal nur für mich machen, und es hat seitdem auch echt immer, knock on wood, sehr gut geklappt.
Bei dem ganzen Hype um AI, was meinst du, macht das mit uns allen, wenn wir eigentlich immer nur künstliche Bilder betrachten?
Zunächst mal gehöre ich zur ersten Generation, die mit dem Thema Digitalfotografie gestartet ist. Davor habe ich analog alles ausgereizt, was ging, das hat mich geerdet. Jetzt haben wir zwar wieder so einen Paradigmenwechsel mit Künstlicher Intelligenz in der Fotografie, aber krass war ja auch schon der Einzug von CGI zum Beispiel in der Automobilfotografie. Da gab es auch große Angst und viel Unsicherheit, vor allem, was die Jobs anging. Bei einem Foto unterstellt man ja immer sozusagen Authentizität und Realismus, wenn man aber weiß, dass Fotos mittlerweile vielleicht sogar komplett computergeneriert sind, dann ist das sehr problematisch. Denn diese AI-Sachen, die wollen natürlich wirken und echt aussehen, aber unsere Sehgewohnheiten verändern sich, passen sich an, und die Fähigkeit zu erkennen, dass das alles irgendwie zu glatt und sehr gleichgeschaltet aussieht, wächst. Damit steigt auch die Anforderung an die Fotografie, profiliert, markant und eigenständig zu sein. Ich glaube, wo die klassische Fotografie immer noch große Chancen hat, ist, unerwartete Momente festzuhalten und Ungesehenes zu zeigen. Und das ist auch die Art von Fotos, die ich gerne mache. Unperfekte Zwischenmomente bei einem Shooting zum Beispiel. Die haben das Potenzial, ein Gefühl zu erzählen und verkauft zu bekommen. Und wenn ein Bild halt zu geleckt ist, dann wird das ein bisschen schwierig. Ich versuche eigentlich immer, bei Shootings noch Neben-Shootings zu machen. Einfach ein kleines Set irgendwo aufbauen, wo man noch was anderes machen kann, im anderen Licht und wo die Leute so ein bisschen in eine andere Situation geworfen werden.
Du hast bestimmt Fotografen, die dich geprägt haben?
Ich finde zum Beispiel Bill Brandt klasse. Aber auch junge, zeitgenössische Fotografen wie Nikita Teryoshin, David Daub oder Elisabetha Porodina. Die schauen mit ganz neuen Linsen auf die Welt und auf das, was ihr zugrunde liegt. Wenn man Fotografie studiert, heißt es immer, dass man in die Vergangenheit blicken soll, ins letzte Jahrhundert, um irgendwelche Vorbilder zu finden. Aber es gibt immer wieder neue, interessante Fotografen und Fotografinnen. Mich inspiriert Fotografie, die die Grenze zur Kunst überschreitet. Zum Beispiel die Arbeiten von Peter Bialobrzeski und seine Megacity-Geschichten oder Martin Parr, wenn es um Reportage geht. Das sind so unerwartete Bilder, die mich deutlich mehr interessieren als die klassischen Werbefotografie-Vorbilder.
Bill Brandt hat ja auch ganz ikonische und sehr überraschende Bilder gemacht. Zum Beispiel seine Porträts, etwa von Francis Bacon. Oder seine Nudes, die so erfrischend anders sind als die gängige Aktfotografie. Haben die noch Gültigkeit heute?
Ja, diese Inszenierung und die Art und Weise, wie Brandt auf die Welt geschaut hat, die war so wahnsinnig aufregend und interessant, dass ich mir vorstellen könnte, dass die Fotografie wieder dorthin zurückmüsste. Und: Ja, es fehlt heute oft die starke Idee im Bild. Testimonial-Fotos sind oft einfach nur Marketing-Tools, bei denen groß das Gesicht des Promis zu sehen sein muss. Für uns Fotografen ist das keine leichte Situation, weil ja gute kreative Konzepte deutlich seltener geworden sind. Und das liegt vielleicht auch daran, dass der Trend dahin geht, dass Kunden die Agenturen nicht mehr so stark involvieren.
Machst du noch freie Sachen nebenher?
Ja. Ich möchte jetzt zum Beispiel wieder nach Florida in die katholische Planstadt, über die wir vorhin gesprochen haben. Das wäre cool, nach 15 Jahren noch mal ein Buch darüber zu machen. Damals war das eine ganz kleine Stadt, geplant für 35.000 Leute, es haben aber nur 4.000 Leute dort gewohnt. Während der Immobilienkrise in den USA ging da gar nichts voran. Aber jetzt ist es wohl eine der am schnellsten wachsenden Städte in den USA. Was man sich überhaupt nicht vorstellen kann, mit diesem ideologischen, religiösen Überbau und einer derart geschlossenen Gesellschaft. Übrigens gab es in dieser ohnehin schon von allen anderen Städten abgeschotteten Stadt noch mal gated communities, die mit einem Zaun abgetrennt waren, mit jeweils eigener Security und so. Schon sehr, sehr extrem …
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